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Uschi Harz und Dr. Cornelia Kukula-Bray
16.08.2007

Mit uns – neue Räume

Ein Gespräch mit den Architektinnen Uschi Harz und Dr. Cornelia Kukula-Bray über eine pädagogische Architektur an Schulen in Rheinland-Pfalz.

Online-Redaktion: Mit dem Angebot zur Schulgestaltung „Mit uns - Neue Räume“ gibt die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Rheinland-Pfalz einer pädagogischen Architektur, an der sich die Schülerinnen und Schüler beteiligen, breiten Raum. Wer war an der Erarbeitung der Konzeption beteiligt?

Kukula-Bray: Als ich Dozentin an der Fachhochschule in Kaiserslautern war, entstand gemeinsam mit Monika Simon vom Referat Gebäudewirtschaft der Stadt Kaiserlautern die Idee, einen Studentenworkshop durchzuführen. Aufgabe war die Umgestaltung der Schillerschule von einer Halbtagsschule in eine Ganztagsschule.

Die Studentinnen und Studenten entwickelten ihre Ideen auf der Grundlage einer Schülerbefragung: Die Grundschülerinnen und Grundschüler malten ihre Traumschule und für die älteren Kinder wurde ein Fragebogen erstellt. Mit Unterstützung der Stadtverwaltung erarbeiteten die 14 Studentinnen und Studenten der Architektur/Innenarchitektur von der FH Kaiserslautern in einem Workshop dementsprechend eigene Konzepte zur baulichen Neugestaltung der Schule. Die Ergebnisse sind in der Broschüre „Mensch baut Haus – Schulhaus baut Mensch“ dargestellt. Zum Abschluss des Workshops 2003 wurden dann die Arbeiten präsentiert.

An dieser Veranstaltung, die von der Stadt und von der FH getragen wurde, nahmen Vertreterinnen und Vertreter aus allen für die Schule wichtigen Bereichen teil: Oberbürgermeister, Schuldezernat, Gebäudewirtschaft, Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Rheinland-Pfalz (ADD) sowie Schülerinnen und Schüler und die Schulleiter der Schillerschule. Karl-Heinz Held vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur referierte über Schulgestaltung und konnte mitteilen, dass der Bund Fördermittel in für den Ausbau von Ganztagsschulen in Deutschland bewilligt habe.

Im Jahr 2005 war ich dann zum Ganztagsschulkongress nach Berlin eingeladen, um die Ergebnisse aus dem Workshop vorzustellen. Dort lernte ich Jürgen Tramm von der Service-Agentur „ganztägig lernen“ kennen, der sich für unsere Arbeit interessierte und unser Angebot „Mit uns ...Neue Räume“ in sein Programm aufnahm.


Online-Redaktion:
Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Angebot und wie sieht die Umsetzung an den Schulen vor Ort aus?

Harz: Nach vielen Gesprächen mit Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern sowie der Schulleitung der Schillerschule war uns bewusst, dass die Schulen, die Ganztagsschule werden wollen, vor einer großen Aufgabe stehen. Die Schulgebäude wurden für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer geplant, die nach der 6. Stunde Unterricht nach Hause gehen. Nun sollten Kinder und Jugendliche aber auch ein Mittagessen bekommen, bevor sie das Nachmittagsprogramm wahrnehmen.

In den meisten Fällen fehlt dafür die Mensa. Darüber hinaus brauchen die Schülerinnen und Schüler Möglichkeiten zum Rückzug und zur Erholung oder Bewegungsmöglichkeiten als Ausgleich zum alltäglichen Unterrichtsbetrieb. Bei der Planung der Baumaßnahmen und bei Entscheidungen zum Gebäude, z. B. bei der Auswahl der Wandoberflächen, der Farben und der Böden oder der Anordnung der Steckdosen, fühlen sich die Schulen häufig überfordert. In den meisten Fällen ist es auch schwierig, das zusätzliche Raumangebot unterzubringen.

Unsere Intention besteht darin, von Außen in die Schule hineinzublicken. Wir sprechen alle Beteiligten an, um neue Raumideen gemeinsam zu entwickeln. Dieser Prozess der Erneuerung – der Räume und deren Nutzungen – bedarf der Kommunikation und individuell abgestimmter Vorgehensweisen und Arbeitsmethoden.


Online-Redaktion:
Welche Akzeptanz erfahren Sie durch die Schulen?

Kukula-Bray: Mitunter gibt es unbewusst starre Strukturen, die überdacht und aufgebrochen werden müssen, damit Innovationen ihren Lauf nehmen können. Oft sind es kleine Schritte, die uns sehr wichtig sind, da hier die Erfahrung gemacht wird, dass Dinge durch eigene Initiative und im Team bewegt werden können. Die Schulen nehmen das in freier Entscheidung als Angebot offen an, um letztendlich die räumliche, organisatorische Situation ihrer Schule zu verbessern, die ja die Lehr- und Lebenswelt ihrer Schülerschaft und des Kollegiums betrifft.


Online-Redaktion:
Wie viele Schulen haben Sie bereits erreicht?

Harz: Neben dem Angebot „Neue Räume ...“ bietet die Service-Agentur auch Unterstützung in anderen wichtigen Schulbereichen an, so bei der Einbeziehung von außerschulischen Partnern oder von Schülerinnen und Schülern sowie der Eltern in alle Bereiche des schulischen Lebens.

Im Jahr 2006 starteten wir mit den ersten Schuluntersuchungen. Insgesamt nahmen zehn Schulen daran teil. Im Jahr 2007 werden es weitere zehn sein. Anmeldungen für das nächste Jahr 2008 liegen bereits vor.


Online-Redaktion:
Die Kinder malen, modellieren oder basteln ihre Ideen. Was sind denn die Top-Themen der Kinder?

Harz: Die Kinder wünschen sich Räume, um ihre Lern- und Lebensqualität zu verbessern. Vor allem brauchen sie aber zusätzliche Rückzugs- und Spielmöglichkeiten im Gebäude und in den Außenbereichen. Die Räume sollen Individualität und Gemütlichkeit ausstrahlen, und die Einrichtung sollte sich vom üblichen Klassenzimmer abheben.

Kukula-Bray: Das ästhetische Gespür der Schülerinnen und Schüler, ihr Wunsch nach ganzheitlicher, stimmiger Gestaltung ist beachtlich. Neben Ruhe- und Entspannungsbereichen, neben Sport- und Spielmöglichkeiten soll die Schule auch Schutzbereich sein.

Die Schülerinnen und Schüler möchten sich wohl- und sicher fühlen. Ungeregelte, zu laute oder schmutzige Orte wie zum Beispiel das WC werden von ihnen als sehr störend empfunden. Wichtig ist auch der persönliche Umgang miteinander.


Online-Redaktion:
Worauf sollten die Architekten und Bauämter achten, wenn sie Räumlichkeiten für Kinder und Jugendliche planen und realisieren?

Kukula-Bray: Sie sollen die „Nutzer“, also in erster Linie die Schülerinnen und Schüler – aber auch Lehrkräfte, Hausmeister und außerschulische Kräfte – in die Planung einbeziehen. So können die Maßnahmen gezielter eingesetzt und den tatsächlichen Bedürfnissen besser angepasst werden.

Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass Schülerinnen und Schüler mit ihren Räumen pfleglicher umgehen, wenn sie bei der Gestaltung beteiligt waren – es wird weniger kaputt gemacht. Davon profitieren letzten Endes auch die Schulträger.

Harz: Doch auch die Lehrerinnen und Lehrer haben durch die Verlängerung des Schulbetriebes neuen Raumbedarf. Sie wünschen sich vor allem Rückzugsmöglichkeiten und einen Bereich, um ungestört zu arbeiten.


Online-Redaktion:
Wie sind die Ideen der Schülerinnen und Schüler für bedarfsgerechte Ganztagsräume zu finanzieren? Welche konkreten Beispiele gibt es?

Harz: In unseren Workshops betonen wir ausdrücklich, dass die Schülerinnen und Schüler ihre Ideen ohne Rücksicht auf rechtliche, bauliche, finanzielle oder hygienische Vorgaben darstellen dürfen. Wir sind immer wieder überrascht, dass die Modelle trotzdem sehr realistisch sind, und dass die meisten Ideen leicht umgesetzt werden können. Wichtig ist uns der Dialog mit unseren Workshop-Teilnehmern. Dabei stellt sich nämlich häufig heraus, dass mit dem großen Wasserbecken einfach das Element „Wasser“ gemeint ist, und dass sich der Wunsch auch mit einem kleinen Wasserbecken oder einer temporär genutzten Wasserpumpe erfüllen lässt.

Kukula-Bray: Ideen, die im ersten Moment übersteigert wirken und in Modellen ausgestaltet werden, geben Hinweise auf die örtliche Gegebenheit, die dann bei weiterer Überlegung verwirklicht werden können. Beispielsweise der Spiel- und Ruheraum der Grundschule in Bellheim. Die Veränderung des Raumes durch variable Karton- und Kunststoffelemente schafft einen individuellen Raum für verschiedene Funktionen wie Kasperlespiel, Theater, Rückzug, Lesen, Ruhen etc. Die Raumnutzungen können aber auch durch Farb- und Lichtgebung sowie die Materialwahl unterstützt werden.


Online-Redaktion:
Wie sieht die ideale Ganztagsschule für die Kinder und Jugendlichen aus? Was ist Ihre Vision einer pädagogischen Architektur?

Kukula-Bray: Jede Schule hat ihre Besonderheiten, ihre eigene Identität. Unsere Vision ist, dass den Schulen kompetente Beraterinnen und Berater zur Seite gestellt werden, die ihnen helfen, diese Besonderheiten gemeinsam mit allen Beteiligten herauszufiltern und umzusetzen. Die Raumwünsche an den verschiedenen Schulen sind ähnlich, während die Umsetzung und die Gestaltung sich unterscheiden müssen, angepasst an Standort, Schwerpunkt oder Bauweise des betreffenden Schulgebäudes.

Harz: Ideal wäre es, wenn die Schülerinnen und Schüler in regelmäßigen Zeitabständen Gelegenheit hätten, bei der Schulgestaltung mitzuwirken, sowohl bei der Planung als auch bei der Durchführung. So könnten sie z.B. ihren Schulgarten selbst gestalten oder Wände neu streichen oder einfach nur ein eigenes Klassenzimmerlogo entwerfen. Solche Maßnahmen ermöglichen eine Identifikation der Schülerinnen und Schüler mit ihren Schulräumen.


Uschi Harz Dipl.-Ing., nach dem Architekturstudium an der Universität Kaiserslautern vier Jahre Tätigkeit als Angestellte eines Architekturbüros. Im Jahr 1996 Gründung eines eigenen Architekturbüros als „Eine-Frau-Betrieb“: Baufaufgaben von der Planung bis zur Aufführung.

Dr. Cornelia Kukula-Bray, Architekturstudium an der Fachhochschule und an der Universität Kaiserslautern. Danach sieben Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin sowie Lehrbeauftragte an der Universität Kaiserlautern. Promotion im Jahr 1993. Von 1999 bis 2003 Dozentin für Baukonstruktion an der FH in Kaiserslautern. Eigenes Büro seit 1999. Seit 2004 Ausbau des eigenen „Eine-Frau-Büros“.

Autor: Peer Zickgraf - DZ Online-Redaktion

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